Corona - die historische Chance

Bildungsfreiheit statt Bildungszwang - die Lösung für das aktuelle Bildungsdilemma

von Werner Plack

Lebenserhalt und Gesundheitsschutz in Zeiten der Corona-Krise zeigen, dass es möglich ist, Menschen auch unter schwierigen Bedingungen zum Zusammenhalt zu bringen. Gegensätze, Unterschiede und Schwierigkeiten gemeinsam zu überwinden, wo grundlegend Menschliches es erfordert, macht uns alle stark, kostet zunächst Kraft und Mut, ermöglicht dann aber auch Fortschritt für Gesellschaft, Demokratie und jeden Einzelnen. Das Recht auf uneingeschränkte Bildung und selbstbestimmte Teilhabe gehört als Menschenrecht und Lebensgrundlage genauso für jeden zu einem lebenswerten Leben wie das Recht auf Leben und Gesundheit.

Die Corona-Krise macht es möglich. Menschen und ihre Politiker gehen gemeinsam neue Wege, die bisher keiner kannte. Eine „neue Normalität“, die anders sein muss, die aber auch besser sein kann als die alte. Das ist eine einmalige große Chance. Das ist die historische Chance, vor allem für die Bildung!

Kitas, Schulen, Hochschulen und Unis können nicht mehr so funktionieren wie früher. In den nächsten zwei Jahren ist es de facto unmöglich, so weiter zu machen wie bisher. Gesundheitsschutz für alle, immer wieder nicht vorhersehbare notwendige Quarantänepausen und nicht zu vermeidende Corona-Erkrankungen verhindern vielleicht sogar noch länger, dass alle junge Menschen gleichzeitig mit ihren Altersgenossen auf ihrem jeweiligen Bildungsweg vorankommen können.

Dieser falsche Zwang zur Gleichzeitigkeit von vorgeschriebenem Lern- und Leistungsstress für Menschen, die jeder für sich alle anders sind als alle anderen, behindert und verhindert nicht nur Lernen, sondern verstößt massiv gegen den grundlegenden Respekt vor ihrer individuellen Menschenwürde. Millionenfache Unterschiede bei Begabungen und Interessen verbunden mit einem Unterschied von ca. drei Jahren bei der körperlichen und geistigen Entwicklung im Kindheits- und Jugendalter verbieten es geradezu, das zu ignorieren. Vielfalt dagegen zu achten und allen Menschen ohne Vorbehalte und Barrieren die ihnen gemäße Bildung zu ermöglichen, wird jetzt durch Corona quasi faktisch erzwungen.

SchülerInnen, Studierdende, LehrerInnen und Eltern müssen von den Zwängen des falschen zeitgleichen Lernens und der gegen ihre Rechte verstoßende Selektion erlöst werden. Die Bildungseinrichtungen sind einfach nicht groß genug. ErzieherInnen, LehrerInnen und ProfessorInnen gibt es nicht genug. Sie können in reduzierter Zahl, weil ihre Risikogruppe auch geschützt werden muss, nicht mehr als doppelt so viel arbeiten, weil sie aus Sicherheitsgründen nur die Hälfte ihrer Gruppen zu unterschiedlicher Zeit betreuen müssen. Das geht absolut nicht! Auch nicht mit digitalen Hilfsmitteln.

Jeder weiß das!

Die Lösung gibt es! Sie ist nur grundlegend anders, als das, was wir kennen und gewohnt sind. Aber der Mut und die Kraft, etwas anders zu machen, weil Corona uns zwingt, es anders zu tun, sind in einer solchen Krise von den Menschen und den verantwortlichen PolitikerInnen jetzt schon in vieler Hinsicht aufgebracht worden. Wenn wir etwas wie die Bildung für alle nun den entscheidenden Schritt in eine erfolgreiche Zukunft machen lassen, dann gewinnen wir alle – jeder Einzelne, die Gesellschaft und die Wirtschaft. Aus einer Not geboren ergibt sich ein nachhaltiger Gewinn.

Personalisiertes Lernen und selbstbestimmte Bildung in einem ganzheitlichen Konzept mit digitalen Hilfsmitteln auf allen Altersstufen und Anforderungsebenen muss losgelöst von zeitlichen und inhaltlichen Ausgrenzungsmaßnahmen für alle ohne Vorbedingungen garantiert sein. So wird sichergestellt, dass alle ihr individuelles Potenzialmaximum erreichen. Fachwissen wird in Kompetenzrastern oder Level-Stufen von 1 bis zum höchsten Niveau ohne Zeitstress nach freiwilliger Entscheidung erworben. Es hat aber weniger Gewicht als die für das Leben und die Arbeit viel wichtigeren Schlüsselqualifikationen, die Soft Skills, die auf dem Bildungsweg durch ständige Praktika und fächerverbindende Projektarbeit erworben werden. Kompetenzen oder Level brauchen keine Noten. Soft Skills kann man nicht benoten. Versetzungen und Prüfungen braucht keiner. Abschlüsse werden in Anerkennung der jeweiligen gesamten Bildungslaufbahn für das erreichte Niveau vergeben. Eine Anerkennungskultur statt der alten Selektionskultur macht es möglich, sorgt für umfassende Freiheit und Bildungsgerechtigkeit.

Unsere Demokratie wird nachhaltig gestärkt.