PRIMUS-Schulen in NRW – Vorbild für inklusive Schulentwicklung

von Brigitte Schumann

Seit mehr als einem Jahr liegt der wissenschaftliche Zwischenbericht über den Schulversuch mit fünf PRIMUS-Schulen dem NRW-Schulministerium vor. Er bestätigt die herausragende Stellung und Bedeutung der Schulen im Kontext des längeren gemeinsamen Lernens.

Der Zwischenbericht der wissenschaftlichen Begleitforschung zum durchgängigen gemeinsamen Lernen von Jahrgang 1 bis 10 empfiehlt der Ministerin, den PRIMUS-Schulen vor dem Auslaufen des Schulversuchs in 2023 bzw. 2024 eine Bestandsgarantie und damit Planungssicherheit zu geben.   

Entstehung, Ziel- und Umsetzung des Schulversuchs 

Der Schulversuch ist ein Produkt des sog. Schulfriedens, der 2011 zwischen CDU, SPD und den Grünen im Landtag ausgehandelt wurde. Im 6. Schulrechtsänderungsgesetz, in dem die schulstrukturellen Vereinbarungen des damaligen Schulkonsenses rechtlich verankert wurden, finden sich auch die gesetzlichen Vorgaben zum PRIMUS-Schulversuch. Danach „kann auf Antrag des Schulträgers und nach Anhörung der betroffenen Schulen an bis zu 15 Schulen beginnend mit dem Schuljahr 2013/2014 oder dem Schuljahr2014/2015 für einen Zeitraum von zehn Schuljahren“ das Ministerium die Erprobung des Zusammenschlusses von Schulen der Primarstufe und der Sekundarstufe genehmigen.   

Als zentrales Erprobungsziel gilt die Klärung, „in welcher Weise die Arbeit der Grundschulen in die der weiterführenden allgemeinbildenden Schulen einbezogen werden kann und welche Auswirkungen das längere gemeinsame Lernen unter diesen Bedingungen auf das Lernverhalten, die Leistungsentwicklung und das Sozialverhalten der Schülerinnen und Schüler hat“. Der Schulversuch soll daneben auch Aufschluss geben, wie sich „unterschiedliche Ausgangssituationen und Anforderungen in städtischen Ballungszonen und im ländlichen Raum“ auswirken und „wie durch ein solches Angebot in kleineren Kommunen (…) ein wohnortnahes, finanzierbares Schulangebot erhalten werden kann“. Es sollen auch Erkenntnisse zur Qualifizierung und zum Einsatz von Lehrerinnen und Lehrern an solchen Schulen gewonnen werden.

Dass mit Minden, Münster, Schalksmühle, Titz und Viersen nur fünf statt der angepeilten fünfzehn Schulstandorte 2013 bzw. 2014 an den Start gegangen sind, geht u.a. auf das Versäumnis der Grünen-Schulministerin zurück, offensiv für den Schulversuch bei Schulträgern, Schulen und Eltern zu werben.

Aussagen des Zwischenberichts 

Der Zwischenbericht betont, dass mit der Aussetzung des Wechsels von der Grundschule zu den weiterführenden Schulformen der Übergang von Klasse 4 nach 5 „entdramatisiert“ wird und die Bildungswege „entwicklungssensibel offengehalten“ werden. Diese Merkmale überzeugen Eltern und erklären die „Haltekraft“ und die „stabile Nachfrageentwicklung“ der PRIMUS-Schulen. 

Der Zwischenbericht sieht die besondere Rolle der PRIMUS- Schulen gegenüber den integrierten Gesamtschulen und Sekundarschulen in der konsequenteren Orientierung am längeren gemeinsamen Lernen durch die Zusammenführung der Primar- und Sekundarstufe in der institutionalisierten Langform. Er stellt die ausgeprägte Kohärenz zwischen der inneren Schulentwicklung und der überwundenen äußeren Trennung von Primar-und Sekundarstufe heraus.  

Mit inklusivem Lernen in jahrgangsgemischten Lerngruppen, schulstufenübergreifenden Lernkonzeptionen, multiprofessioneller Teamarbeit und alternativen Formen der Leistungsbewertung werden in den PRIMUS-Schulen Prozesse der Schul- und Unterrichtsentwicklung und der Professionalisierung der Lehrkräfte mit großem Anregungspotential für andere Schulen vorangetrieben. Der Bericht stellt heraus, dass sich die PRIMUS-Schulen in „besonderer Weise den Anforderungen der Inklusion“ stellen und daher „besondere Ressourcen“ benötigen. Wegen der Entwicklung schulstufenübergreifender Lernkonzeptionen, die in keinem anderen Bundesland bisher erprobt worden sind, misst die wissenschaftliche Begleitung dem Schulversuch auch bundesweit eine besondere Bedeutung zu. Sie bestätigt, dass der notwendige Gestaltungsfreiraum in der Umsetzung die Anpassung des Schulversuchs an die jeweiligen Bedingungen der unterschiedlichen Schulstandorte ermöglicht.  

Direkte Wirkungszusammenhänge zwischen der neuen Lernkonzeption und der Kompetenzentwicklung der Lernenden können jedoch nicht nachgewiesen werden, da die Untersuchung ausschließlich auf qualitativen Methoden wie Beobachtungen und Befragungen beruht. Zu den Gründen der methodischen Beschränkung findet sich zwar kein Hinweis im Zwischenbericht, aber es ist längst kein Geheimnis mehr, dass das vom Ministerium bereitgestellte Budget für eine angemessene vergleichende Langzeitstudie nicht ausgereicht hat. Das bildungspolitisch ambitionierte Ziel, man wolle erforschen, ob mit dem durchgängigen gemeinsamen Lernen bessere Lernleistungen für alle Schülerinnen und Schüler erzielt werden, ist aus den Augen verloren worden.      

Die PRIMUS-Schule Münster   

Die PRIMUS-Schule Münster ist über den Film „Berg Fidel – Eine Schule für alle“ von Hella Wenders bundesweit bekannt geworden. Sie ist aus der gleichnamigen Gemeinschaftsgrundschule hervorgegangen und musste sich ihre Teilnahme am Schulversuch hart erkämpfen. 

Schulleiter Reinhard Stähling sieht die Aufgabe und Zielsetzung der PRIMUS-Schule darin, lernbiografische Brüche zu verhindern und sich als „Schule ohne Schulversagen“ zu profilieren. Die Organisation des Lernens in altersgemischten, heterogenen Stammgruppenstufen von 1-3, 4-6, 7-9 ist nach Stähling dafür absolut zentral.

Damit wird die gängige Zusammensetzung der Lernenden nach Jahrgängen und Schulstufen überwunden. Neue individuelle Entwicklungsräume werden so eröffnet und Lernmöglichkeiten erweitert. Diese Lernorganisation passt sich flexibel den Lernenden an. Als Lernprinzip gilt: „Erst wenn der vorhergehende Lernschritt abgeschlossen wurde und das Kind die Sache verstanden hat, folgt der nächste Schritt“, so Stähling. Die dreijährige Lernzeit in der jeweiligen Stammgruppenstufe kann für lernstarke Schülerinnen auf zwei Jahre verkürzt werden, während langsam lernende Schülerinnen und Schüler vier Jahre in jeder Stammgruppenstufe verbleiben können. 

Für Stähling ist die PRIMUS-Schule das Modell, um die soziale Ungleichheit in der Verteilung der Bildungschancen zu reduzieren und allen Lernenden die bestmöglichen Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten. 

Zivilgesellschaftliche und politische Unterstützung 

Das zivilgesellschaftliche Bündnis „Länger gemeinsam lernen“, dem auch die GEW angehört, hat sich am 5. April mit einer Fachtagung in der PRIMUS-Schule Münster zur Zukunft der PRIMUS-Schulen eindeutig positioniert. „Wenn wir in Deutschland endlich mehr Bildungsgerechtigkeit erreichen wollen, führt kein Weg am längeren gemeinsamen Lernen vorbei“, hieß es bereits in der Einladung. Dazu bekannten sich auf der Tagung Norbert Wichmann (DGB) und Prof. Hans-Martin Lübking (Ev. Kirche in Westfalen) als prominente Vertreter des Bündnisses. 

Vor dem Hintergrund der positiven Bilanz des Zwischenberichts und der Erkenntnis, dass das PRIMUS-Modell in besonderer Weise geeignet ist, das Recht auf inklusive Bildung für alle Kinder zu gewährleisten, forderten die Veranstalter und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung eine gesicherte Perspektive für PRIMUS . 

Sigrid Beer, bildungspolitische Sprecherin der Grünen Landtagsfraktion, und Jürgen Ott, bildungspolitischer Sprecher der SPD im nordrhein-westfälischen Landtag, machten sich ebenfalls für das PRIMUS-Modell stark. Ott betonte, dass die Zukunftsperspektive für das Schulsystem nicht in der Zweigliedrigkeit, sondern in der Schule für alle liege. Dafür brauche es eine starke Lobby. Er versprach, dass die SPD wieder bildungspolitisch erkennbar werden und diejenigen unterstützen müsse, „die für etwas brennen“.  

Der Elternvertreter der PRIMUS-Schule Münster machte im Rahmen der Tagung deutlich, dass mit dem Wandel von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft für den erfolgreichen Eintritt in die Arbeitswelt die Fähigkeit benötigt werde, komplexe Sachverhalte im Team zu klären und zu bearbeiten. Darauf bereite die PRIMUS-Schule ihre Schülerinnen und Schüler gut vor. Dass dies nicht als bloßes Lippenbekenntnis abgetan werden kann, verdeutlicht die Tatsache, dass eine starke Elterninitiative der PRIMUS-Schule Münster mit großem Engagement auch die Weiterentwicklung des gemeinsamen Lernens von 1-13 und damit eine eigene Oberstufe fordert. 

Das Schweigen der Ministerin 

Seit mehr als einem Jahr liegt der wissenschaftliche Zwischenbericht über den Schulversuch dem Ministerium vor. Aber die Ministerin schweigt dazu. Auch auf der Tagung des Bündnisses konnte der zuständige Referatsleiter keine Aussagen zu der Frage machen, wie FDP-Ministerin Yvonne Gebauer zur Zukunft des Schulversuchs steht. 

Begründet sich ihr Verhalten dadurch, dass es sich bei dem Schulversuch um das Erbe der rot-grünen Vorgängerregierung handelt? Die jetzige Ministerin hat den Schulversuch nicht initiiert, aber ihr ist mit den PRIMUS-Schulen ohne eigenes Zutun ein Juwel in die Hände gefallen. Das kostbare Geschenk sollte sie nicht aus parteipolitischem Kalkül zurückweisen oder beschädigen. 

Sollte sie dennoch den PRIMUS-Schulen die Bestandsgarantie verweigern, bestätigt sie nicht nur die Kritiker im Land, die ein starkes „Bündnis für inklusive Bildung“ gebildet haben und ihr vorhalten, dass ihre Politik nicht auf „Neuausrichtung“ und Verbesserung der rot-grünen Inklusionspolitik, sondern eher auf deren Abwicklung ausgerichtet ist. Widerstand auf breiter zivilgesellschaftlicher und politischer Front wäre ihr gewiss. 

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