EINE SCHULE FÜR ALLE: Vielfalt leben!

Erklärung der TeilnehmerInnen des Kongresses Eine Schule für Alle vom 12. bis 14.03.2010
Mädchen trägt Bauarbeiterhelm mit der Aufschrift "Eine Schule für alle"

Beim Kongress "Eine Schule für Alle", der vom 12. bis 14. März in Köln stattfand, verabschiedeten die Anwesenden die folgende Erklärung des NRW-Bündnisses "Einen Schule für Alle".

In einer SCHULE FÜR ALLE sind alle Kinder willkommen. Sie stärkt die Kinder und befähigt sie zu aktiver Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Sie orientiert sich an einem humanistischen Menschenbild, an Demokratie und an den Menschenrechten, wie sie in der UN- Kinderrechtskonvention und der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen festgeschrieben sind. Wir fordern ein, wozu die Kultusministerkonferenz sich in einem Beschluss von 2006 verpflichtet hat: Alle Empfehlungen, Beschlüsse und Maßnahmen sind an der Kinderrechtskonvention zu orientieren. Demgegenüber stellen wir fest: Das gegliederte deutsche Schulsystem verstößt gegen humane und demokratische Grundsätze und internationale menschenrechtliche Übereinkünfte.

Zwar werden Trennung und Aufteilung der Kinder auf ungleichwertige Schulformen heute nicht mehr mit der Ständeordnung des 18. Jahrhunderts begründet. Aber die angeblich leistungs- und begabungsgerechte Sortierung bildet auch heute noch weitgehend die soziale Stellung der Eltern ab. Die SCHULE FÜR ALLE bietet Kindern hingegen in zehn gemeinsamen Schuljahren Bildungschancen, die wesentlich weniger von Elternhaus, Einkommen, sozialer wie kultureller Herkunft abhängen und sehr viel stärker den individuellen Fähigkeiten und Begabungen des einzelnen Kindes gerecht werden.
Der Umgang miteinander und auch das Lernklima sind in einer SCHULE FÜR ALLE von gegenseitiger Achtung, Wertschätzung und Ermutigung geprägt. Das Lernen in unseren Schulen ist hingegen häufig von Konkurrenz, von Angst vor Misserfolgen und von Abwertung und Beschämung bestimmt. Solche Lernbedingungen führen bei vielen Kindern zum Verlust von Motivation, zu Versagensängsten und zu früher Entmutigung. Immer mehr Kinder leiden dadurch an psychosomatischen und depressiven Erkrankungen oder zeigen aggressives Verhalten.

Eine SCHULE FÜR ALLE geht davon aus, dass Kinder unterschiedlich lernen und unterschiedliche Leistungen erbringen. Leistungsvielfalt im gemeinsamen Unterricht stört nicht das Lernen, sondern ist lernförderlich für alle. In unserem gegliederten System aber ist selbst die individuelle Förderung zumeist von einem Defizitblick auf die Kinder bestimmt. Es wird zu wenig Wert darauf gelegt, die individuellen Stärken eines jeden Kindes zu erkennen, herauszufordern und weiterzuentwickeln. Wir fordern daher ein am einzelnen Kind orientiertes Lernen in einer SCHULE FÜR ALLE. Schule soll ein Ort des Lernens und zugleich Lebens- und Erfahrungsraum sein. Sie unterstützt Kinder darin, Verantwortung für sich, für andere und für das eigene Lernen zu übernehmen. Sie ermöglicht individuelle Lernerfolge auf hohem Niveau und fördert individuelle Leistungen.

Die Lehreraus- und Fortbildung muss unverzüglich und konsequent auf das Inklusionsziel ausgerichtet werden.

Während außerhalb von Deutschland längeres gemeinsames Lernen in einer SCHULE FÜR ALLE eine Selbstverständlichkeit ist, wird unseren Kindern verwehrt, Unterschiedlichkeit und Vielfalt in einer Schule zu erleben und das Zusammen-Leben zu erlernen. Schülerinnen und Schüler der verschiedenen Schulformen leben häufig in getrennten Welten. Wir fragen: Wie sollen die immer wieder beklagten „Barrieren in den Köpfen“ überwunden werden, wenn nicht durch die Erfahrung gemeinsamen Lebens und Lernens von klein auf? Nur in einer SCHULE FÜR ALLE lernen Kinder, sich in ihrer Andersartigkeit als gleichwertig anzuerkennen.
Das gegliederte Schulsystem verstärkt nicht nur die soziale Ungleichheit, es führt auch zum sozialen Ausschluss von Menschen. Die Hauptschule bereitet Kinder heute auf ein Leben am Rande der Gesellschaft vor, so wie es die Sonderschule immer schon tat. Hauptschulen künstlich am Leben zu erhalten ist nicht nur verantwortungslos gegenüber den Kindern, sondern auch besonders teuer. Das gilt erst recht für Sonderschulen. Trotz hoher finanzieller Aufwendungen sind die Lernerfolge aufgrund der extremen Anregungsarmut dort auffällig gering. Schülerinnen und Schüler der Sonderschulen bleiben in der Regel gesellschaftlich ausgeschlossen. Wir fordern, dass die für Haupt- und Sonderschulen aufgewendeten Finanzmittel und die dort vorhandenen (sonder-)pädagogischen Kompetenzen allen Kindern unmittelbar nach dem Grundsatz zugute kommen: Die Förderung kommt zum Kind. Die Nordrhein-Westfälischen Kompetenzentren werden dieser Forderung nicht gerecht.

Um allen Kindern eine gute Schule mit qualitativ hochwertigen Förderstandards zu bieten, müssen dem deutschen Schulsystem, das im internationalen Vergleich unterfinanziert ist, die erforderlichen zusätzlichen Mittel bereit gestellt werden.
Für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft brauchen wir gut gebildete Menschen. Dem heutigen Schulsystem gelingt es nicht, allen Kindern hinreichend Zugang zu Bildung zu verschaffen. Deshalb liegen viele Potentiale brach und verkümmern. Zugleich wachsen in unserer Gesellschaft die Kosten, die in Folge von Bildungsarmut und sozialer Ausgrenzung entstehen.

Wir stellen fest: Besonders im ländlichen Raum ist es für viele Schulträger inzwischen wegen sinkender Schülerzahlen und verändertem Schulwahlverhalten unmöglich, überhaupt noch ein Schulangebot bereit zu stellen. Zunehmend erkennen sie, welche Chancen eine SCHULE FÜR ALLE bietet. Sie ist allein geeignet, ein wohnortnahes, zuverlässiges und qualitativ hochwertiges Schulangebot zu sichern, das den Zugang zu allen weiterführenden Bildungswegen eröffnet.
Modelle der sog. Zweigliedrigkeit werden häufig als politische Lösung für die Schulkrise dargestellt. Wir halten auch diese Modelle mit der Sonderstellung des Gymnasiums für ausgrenzend. Eine SCHULE FÜR ALLE ist das einzige Modell, das auch das Recht auf Bildung für Menschen mit Behinderungen uneingeschränkt ohne Diskriminierung und auf der Basis von Chancengleichheit erfüllen kann. Wir akzeptieren daher keine falschen bildungspolitischen Kompromisse zugunsten gymnasialer Sonderinteressen.

Mit der Anerkennung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen haben sich Bund und Länder zur Verwirklichung des Menschenrechts auf gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderungen in einem inklusiven Schulsystem verpflichtet. Das erfordert nicht nur, mittelfristig umsetzbare strukturelle Maßnahmen im oben beschriebenen Sinne. Die Vertragsstaaten haben sich auch verpflichtet, im Einzelfall sofort Diskriminierungsfreien Zugang zum allgemeinen Bildungssystem zu gewährleisten und die notwendigen angemessenen Vorkehrungen zu treffen.

Wir fordern mit vielen Organisationen und Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft die verantwortlichen Politiker und Politikerinnen auf, ihren völkerrechtlichen Verpflichtungen nachzukommen und die notwendigen Schritte zu einer SCHULE FÜR ALLE in einem inklusiven Schulsystem jetzt mit einer klaren Zeitperspektive einzuleiten und Kindern mit Behinderungen diskriminierungsfreien Zugang zur allgemeinen Schule zu sichern!

Ansprechpartner für das NRW-Bündnis:

Uta Kumar, Schildescher Str. 67, 33611 Bielefeld, utakumar@gmx.de Michael Baumeister, Harold-Allen-Str. 14, 46284 Dorsten, michael@mbauweb.de